Ein Uhu ist da

Eines frühen Morgens im April klingelte das Telefon und eine Dame vom Tierschutzverein Witzenhausen fragte nach ob wir einen verletzten Uhu aufnehmen können. Der Vogel war am Straßenrand liegend von einem Auslieferungsfahrer gefunden worden. Er blutete aus Nase und Schnabel, ein Auge war zu geschwollen, er war völlig benommen. Also wohl ein Autoanprall. Das sah nicht gut aus!!

Als er ankam spritzte ich ihm einen Vitamin B Komplex, setzte ihn in einen warmen Kellerraum und konnte nicht mehr tun als ab zuwarten. Vier Tage lang saß er wie ausgestopft da, Augen zu, nahm kein Futter, konnte wahrscheinlich auch kaum schlucken. Nur etwas Wasser mit Vitaminen kriegte ich mit einer Spritze in den Schnabel.

Am 5. Tag schaute er mich morgens mit beiden Augen an. Wer schon mal einer Eule in die Augen geschaut hat der weiß wie faszinierend die sind! Er nahm auch ein paar klein geschnittene Fleischstückchen und es ging von Tag zu Tag etwas besser.

Nach ca 4 Wochen konnte unser Uhu in eine Gartenvoliere umziehen und saß dort die meiste Zeit majestätisch auf einem hohen Baumstumpf. Er war wunderschön. Riesige behaarte Füße, seidenweiches Gefieder und diese Augen !

Er fraß auch sehr gut und wir beschlossen es war Zeit zum Auswildern. 

An einem schönen Sommerabend Ende Juli setzten wir ihn auf eine hohe Voliere und warteten auf seinen Abflug. Aber Pustekuchen, nachts um 12 Uhr sind wir dann langsam mal ins Bett gegangen. Er saß immer noch. Leider saß er morgens um 6 Uhr immer noch und wurde mittlerweile von einer Horde Krähen attackiert. Also Leiter her und den Uhu wieder abgepflückt und zurück in seine Voliere gesetzt.

Das ganze hätte mich stutzig machen müssen aber ich wollte es wohl nicht wahrhaben. Vielleicht brauchte er ja nur noch etwas Zeit? Aber das war es nicht. Unsere bildschöne Eule war leider blind. Eine Hirnverletzung hatte wohl die Sehnerven beschädigt. Also einschläfern, denn ein blinder Uhu?

Aber ich zögerte es hinaus in der Hoffnung vielleicht wird es ja doch noch besser. Es wurde nicht. Wochen später kamen epileptische Anfälle dazu und nun war es keine Frage mehr. Beim Einschläfern hatte ich ihn wie ein Baby im Arm .

Mir ist noch nie ein Schritt so schwer gefallen.

 

Sylvia Buchenau

 

Stand 19.09.2004

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