Vogelkinderzeit-Chaos in der Pflegestation

Während der Brutzeit der Vögel und der Aufzucht anderer Tierkinder ist immer viel zu tun. Hier fällt einer aus dem Nest, dort verunglücken die Eltern oder Räuber wie zum Beispiel Katzen, Elstern und ab und zu zerstören auch Menschen die Nester.  Ich möchte einfach einmal einen ganz "normalen" Tag während dieser Zeit schildern.

6 Uhr morgens, der Wecker klingelt. Nur noch 10 Minuten die Schlummertaste drücken – geht nicht, die Bettellaute der  Drosseln und Amseln höre ich aus dem Wintergarten  schon bis ins Schlafzimmer. Also raus aus den Federn, Wasser in die müden Augen und ab in die Küche. Kaffee aufsetzen. Soviel Zeit muss sein. 

Dann Beoperlen einweichen, Insektenfutter, Kalk und Heilerde dazu. Pampe für die Elstern und die Dohle bereiten, Grillen auftauen und ab in das Vogelzimmer. Amseln und Drosseln werden ganz aufgeregt bei meinem Anblick, die sechs Elstern und die Dohle reißen schon begeistert die Schnäbel auf. 

"Nette" Menschen haben den Baum gefällt, auf dem sich das Elsternest befand und die Kleinen sind mitsamt der Krone aus ca.5-6 m Höhe abgestürzt, noch nackt und blind. Wie gesagt, nette Leute, die in der Brutzeit Bäume fällen. Wenigstens haben sie die Vögel dann in die Station gebracht. 

Jetzt zu den Meisen, vier Schnäbel klappen auf, Insekten rein, gut so, satt für die nächste Stunde. Nun schnell die Milch für das Rehkitz warm machen, sie wird auch schon ganz aufgeregt als sie die Flasche sieht. ( Die Geschichte vom Kitz wird an anderer Stelle erzählt.)  Danach mit ihr raus in den Garten, sie fängt schon an Blättchen zu fressen, sehr schön! Bei der Gelegenheit die zwei Schwäne und die Ente raus lassen, sie warten schon ungeduldig darauf, in den Teich zu können. 

Dann eimerweise Körnerfutter und Wasser an die Papageien, Sittiche, Kanarien verteilen, auch die Krähenhorde wartet auf ihr Futter. Zwei wildlebende  Krähen sind auch schon da in der Hoffnung, es fällt etwas für sie ab. Natürliche eine berechtigte Hoffnung, ich bin ja nicht so!

Max, der vor 3 Jahren von Hand aufgezogene Eichelhäher, taucht auf, also rein, Erdnüsse und sein obligatorisches, heiß geliebtes Stückchen Kochwurst holen. Der ist nun auch zufrieden.

Jetzt aber erst  mal einen Kaffee für mich  und dann Kitz, Elstern, Dohle und Meisen plus Futter einpacken, sie müssen mit zur Arbeit, schließlich muss stündlich gefüttert werden und das Kitz braucht alle 3 Stunden die Flasche. Ach Gott, die 2 Katzen müssen ja auch noch ihr Futter kriegen, nun aber los, wir sind spät dran.

Vormittags ein Anruf an der Arbeit. Ein kleiner Vogel ist in einen Eimer mit Getriebeöl gefallen. Der Anrufer habe ihn schon mit Prilwasser gewaschen, ob er ihn bringen könne. Selbstverständlich. Aber ob der Vogel eine Chance hat? Hat er nicht. Als der Mann aus Malzfeld ankommt ist das kleine  Rotschwänzchen tot. 

Mittags kurz nach Hause, Hunde in den Garten lassen, bei Amsel und Drossel das Futter auffüllen, Mann, die fressen was weg!  Am Nachmittag wird noch ein Katzenopfer gebracht, eine Drossel, auch sie stirbt. 

Zum Feierabend die ganze Bagage wieder einpacken und ab nach Hause. Dort blinkt schon der Anrufbeantworter ganz hektisch, ein Hilferuf aus der Nähe von Felsberg, Fünf Stockentenküken schwimmen ohne Mutter auf einem Gartenteich. Drei davon wurden in einem Kellerschacht gefunden.  „Was sollen wir machen, hier gibt es doch so viele Katzen und Füchse!“ Das wäre vielleicht nicht das Problem gewesen aber die Entchen kühlen aus und ohne Mutter wäre das ihr sicherer Tod. Also auf Richtung Felsberg. 

In der Zwischenzeit hat mein Mann den zweiten „Notfall“ erledigt, eine Zwergfledermaus aus Retterode musste geholt werden, sie lag auf der Straße. Die Finger der Flughand sind gebrochen, das sieht nicht gut aus. Um es vorweg zu nehmen, sie ist am nächsten Morgen tot. 

So nun aber los, die Entchen müssen gefangen werden. Vorher aber  noch ein angebliches Wildkaninchen, es wurde in einer Baustelle gefunden. OK, hole ich auf dem Rückweg ab, ist noch ein Flaschenkind und entpuppt sich später als höchstens zwei Tage alter Feldhase. Überlebenschance noch ungewiss. Feldhasen sind ganz kritische Pfleglinge. 

Nun weiter zu den Enten. Die Leute sind ganz besorgt, die Kleinen paddeln auf einem Gartenteich, der mich grün vor Neid werden lässt. So wunderschön, riesig und ohne Schwäne die alles in Grund und Boden trampeln und versauen!!! Das Einfangen der Entchen gestaltet sich sehr schwierig, bedingt durch die Größe des Teichs. Zwei haben wir ziemlich  schnell, aber die anderen tauchen weg und kommen erst eine halbe Stunde später aus ihren Verstecken. Ich habe nicht gewusst das so kleine Enten so gut tauchen können! Wir kriegen sie erst, als sie sich an eine Plastikente kuscheln wollen. Die fünf Entchen sind höchstens zwei Tage alt. 

Jetzt aber ab nach Hause, es ist schon zehn Uhr, Hase abholen, dann noch mal alle Schnäbel füllen, das muss jetzt reichen bis morgen früh. Schwäne und Ente einsperren, der Fuchs soll keine Chance auf Entenbraten haben, die Entchen auf ein Wärmekissen, Kitz und Häschen die Flasche geben, ab in den Kuschelkorb, Licht aus, schlaft alle gut.

Für mich nun noch eine halbe Stunde Entspannung auf der Couch, dann ins Bett, morgen früh um 6 Uhr klingelt wieder der Wecker.

Ein ganz „normaler" Tag ist zu Ende.

Sylvia Buchenau

 

Stand 7.09.2004

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