Wer bringt die Ostereier?

Meine Kinder waren in dem Alter, in dem Kinder noch beneidenswert frei denken, reden und handeln.  Immer mit Mama unterwegs, registrierten sie in den Geschäften die einladend leckeren Naschereien und bunten Eier mit großem Interesse. Die oft penetrant peinlichen Fragen und Kommentare meiner Kinder wie z.B. „Mama, warum hat die Frau so viele Falten im Gesicht?“ – Zu unserem Apotheker: „Bist du der Peter Lustig?“ (Eine gewisse Ähnlichkeit ist zweifelsfrei vorhanden.)– „Warum kriege ich hier keine Scheibe Wurst, wie in dem anderen Laden?“  blieben mir aber zu meiner eigenen Überraschung erspart.

Wieder zu Hause angekommen konnten sie ihre Aufregung aber kaum noch zügeln. Kinderbücher über Ostergeschichten wurden hervorgekramt und ich musste stundenlang vorlesen und mir Erklärungen ausdenken, warum denn ein Hase die Ostereier legt, ohne Rücksicht auf anstehende Hausarbeit. Auch meine zunehmende Erschöpfung und anhaltendes Gähnen wurden ignoriert. Im Auto lief ständig die gleiche Kassette, die ich irgendwann in einem Anflug von Selbsterhaltungstrieb versteckt habe. Mit einer für Eltern erlaubten Notlüge tat ich ganz überrascht, als sie von meinen Kindern vermisst wurde, mit dem Versprechen: „Der Osterhase wird sie schon wieder bringen.“

Dann startete die Aktion „Moos holen und Nester bauen“. Dafür war Gott sei Dank der Papa zuständig und wurde gnadenlos bedrängt, endlich zu dieser Expedition aufzubrechen. Ausgestattet mit Körben und kleinen Schaufeln gingen sie dann schon eine Woche vor Ostern mit rotglühenden Wangen los. Das Ergebnis waren Berge von Moos, die im Garten zu Nestern verarbeitet und versteckt wurden, allein, ohne Papa!

Für den Osterhasen (nämlich mich) ergab sich daraus das Problem, dass er nicht wusste, wo die Nester alle versteckt waren. Selbst ein unauffälliger Rundgang im Garten konnte keine zufriedenstellende Abhilfe schaffen.

Von nun an wurde die Frage, „wann kommt denn nun endlich der Osterhase?“ und die vertröstende Antwort „ein paar Mal müsst ihr noch schlafen“ zum Mittelpunkt unserer Unterhaltung.

Als der Osterhase schon wünschte, er könne die Zeit vordrehen, war es dann endlich soweit. Mit dem Versprechen: „Wenn ihr morgen aufwacht, kommt der Osterhase.“ brachten wir unsere Kinder abends zu Bett. Wer seine Kinder kennt weiß, dass solche Nächte sehr kurz sind und dem Osterhasen alle Tricks abverlangen, um nicht entdeckt zu werden. Also ging er gähnend, ungewaschen und ungekämmt schon sehr früh los und bekam den ersten Schrecken, als er vor die Tür trat und es leicht geschneit hatte. Er achtete beim Befüllen der Nester peinlichst darauf, dass alle Dinge zweimal vorhanden waren, damit kein Kind benachteiligt würde und es keinen Grund zum Streiten gab. Leicht genervt, aber froh, es geschafft zu haben, hatte der Osterhase gerade noch Zeit sich zurückzuziehen, als unsere Kinder schon aufgeregt durch die Wohnung sprangen. Wir schafften es gerade noch, ihnen Stiefel und Jacken über die Schlafanzüge zu ziehen, da stürmten sie auch schon los mit ihren kleinen Osterkörbchen.

Mama und Papa standen an der Haustür und sahen bewegt zu, wie die beiden Racker zielstrebig Nest für Nest plünderten, begleitet mit freudigen Ausrufen und Jubelgeschrei.

Dann  kamen sie zurück, zeigten stolz ihre Ausbeute, sahen uns an und fragten: „Warum haben wir den Hasen nicht gesehen?“ „Warum hat der Hase nicht in alle Nester etwas rein getan?“ „Wieso hat der Hase Stiefel an?“  

Edda Hoffmann

 

Stand 7.09.2004

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